gründlich ausbrennen

YOLO dich selbst. „Man lebt nur einmal“ ist für mich einer der albernsten und beängstigendsten Sätze. Die Jugend nutzt ihn als Mantra, als Gutschein dafür, sich mit Drogen vollzupumpen und auf die Zukunft und andere Menschen zu scheißen. Gleichzeitig habe ich Angst vor dem, was nach dem „man lebt nur einmal“ kommt. Nichts? Werde ich wiedergeboren? Ich hoffe nicht, dann bekomme ich mit wie die Menschen und die Erde untergehen. Wir sind gerade schon dabei, den Weg dafür zu ebnen. Diese Gedanken machen mich betroffen und ängstlich, als würde ein schwarzes Loch mich aufsaugen. Zum Glück habe ich so viel zu tun, von morgens bis abends mit Arbeit und Uni, dass ich kaum noch Zeit habe mich damit zu beschäftigen. Deswegen bin ich gleichzeitig neidisch auf die YOLO-Fraktion. Die Leben wirklich, haben Zeit, schöne Dinge zu erleben. Sie haben keine Angst davor, den Job zu kündigen und um die Welt zu reisen oder auf die Autobahn zu fahren, irgendwo ins nirgendwo. Ich bin schon so lange in meinem Hamsterrad, dass ich, selbst wenn ich frei habe, das Gefühl habe etwas tun zu müssen. Bevor ich mich hinlege um nichts zu tun, muss ich erst aufräumen. Bis 16 Uhr spätestens, und dann muss ich wieder aufstehen und kochen. Und dann wieder saubermachen. Und dann muss ich mich mit Freunden treffen, weil ich die vernachlässigt habe. Dazu habe ich keine Lust, weil es dann eine Pflicht ist. Ekelhaft, als junger Erwachsener schon so drauf zu sein. Zeit für eine Krankschreibung vom Arzt. Attestiertes Faulenzen brauche ich. Danach einen 400€ Job, um einfach zu studieren und manchmal betrunken zu sein. Um meine Gedanken mit Kampfsport weg zu rationalisieren. Um meinen schwachen Körper meinen viel zu starken Gedanken anzupassen.

Menschen sind anstrengend. Irgendwas ist immer, jeder will was, jeder steht nur für sich selbst ein und verlangt von anderen, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Ich sauge das auf, versuche es zu bedienen und versage dabei, fühle mich schlecht, weil ich weiß, dass das Bullshit ist und ich mich um mich kümmern muss. Ich bin sehr wehrhaft und frech, aber mein Verständnis für jeden macht mir einen Strich durch die Rechnung. Deswegen kommen mir fast die Tränen, wenn ich Leute treffe, die anders sind. Die in sich Ruhen, sich für andere interessieren, von Herzen.

Mit einer Mutter, die nicht fähig war, ein warmes Mittagessen für ein Grundschulkind zu kochen oder die Bedürfnisse dieses Kindes wahrzunehmen, sondern die eigenen, wegen psychischer Erkrankung darüber stellt und von jetzt auf gleich wegen Lappalien ausflippt, musst du lernen andere Menschen wahrzunehmen. Sonst wirst du fertiggemacht. Gleichzeitig lernst du, dass du stark sein musst. Also: Man lebt alleine, man stirbt alleine, komm auch alleine durch. Aber enttäusche dabei bloß niemanden. Ein auslaugender Widerspruch in mir, ein Drahtseilakt, keine Chance das zu schaffen.

Mein Vater ist ein guter Mann, ein Ehrenmann. Immer hat er mich gerettet und das wird immer so sein. Aber gerade jetzt, wo ich jemanden brauche, der mich in eine Decke wickelt und sagt: scheiß auf die, du schaffst das. Muss er eben arbeiten. Und das ist in Ordnung, weil ich 22 bin und zu stolz um irgendwem zu sagen, dass ich gerade super schwach bin, eigentlich nicht nur gerade, sondern immer mal wieder.

Deswegen mache ich das jetzt alleine. Sage mir jeden Tag: Kinn hoch, weitermachen. Nächstes Jahr kannst du dich ausruhen. Mache Termine mit meinem Boss, bitte um eine Stundenreduzierung, setze mich weiter mit meinen bestussten Kommilitonen auseinander, deren Wertesystem aus Creditpoints und Fitnessstudios besteht. Mache weiter, male mir jeden Tag Bilder davon, wie es später mal wird. Ein Zuhause, wo nette Menschen sind und ein Dielenboden. Vielleicht ein Hund. Ein schwarzer Gürtel. Ein erfüllender Job. Eine Haltung, die noch immer stark und gleichzeitig ´mitfühlend ist, aber nicht so, dass Menschen, die mir nichts bedeuten mich zum Weinen bringen können. Vielleicht bin ich dann selber Boss. Auf jeden Fall will ich sieben Meter groß und unbesiegbar sein. Oder vier Meter groß und diplomatisch. Ganz habe ich mich noch nicht entschieden, und es wird noch dauern, weil ich ja mein Studium schieben musste, wegen der Arbeit.

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Mein Gehirn gegen deins

Mein Gehirn arbeitet unentwegt. Das ist nichts besonderes und auch gut so. Täte es das nicht, würde ich wohl vergessen zu atmen und versehentlich sterben. Aber es sagt auch oft komische Sachen zu mir. Sowas wie „Du solltest deine Katze Bismarck nennen. Das war eine streitbare geschichtliche Person!“ Oder „Wir waren doch alle das erste Spermium am Ei, warum fühlen sich so viele Menschen wie verlierer?“ Manchmal stelle ich mir vor, mein Blut wäre nur aus fett und Kaffee. Und manchmal glaube ich, ich wüsste, was andere über mich denken. Das ist aber meistens falsch. Viele Menschen glauben ja, sie hätten eine gute Menschenkenntnis. Ich glaube sie sind nur neurotisch.

Mein Gehirn macht aber auch diese eine Sache, die mich oft nicht schlafen lässt und Menschen, die versuche mir zuzuhören, verwirrt. Nicht nur ist ständig Musik in meinem Kopf. Es nimmt sich auch jeder Situation an, analysiert jeden Standpunkt, jedes Gefühl aller Teilnehmer und nimmt mir so jede Rechtfertigung, mich einfach daneben zu benehmen. Ich bin so oft wütend, geladen, völlig daneben und schieße den Leuten mit meinen Worten ins Knie. Aber letztendlich mache ich doch eine Kehrtwende und entschuldige mich oder bleibe bei meinem alten Verhalten. Es sind kleine Eruptionen die verhindern, dass der Vulkan am Ende völlig explodiert und sich selbst und seine Umgebung mit Lava und Smog verwüstet. Es hält mich gefangen in meiner Vernunft, macht aber auch Probleme wo keine sind. Noch während ich für meine Rechte kämpfen will, habe ich Mitleid mit meinem Gegenüber und kämpfe anstatt meiner für seine. Ich bin die erste, die einem Vergewaltiger auf die Schnauze haut und anschließend einen Therapieplatz für ein sucht, weil er sich ja nicht selbst gemacht hat. Humanismus nennt man das glaube ich. Bin mir aber nicht sicher, habe mich nicht eingelesen.  Deswegen bin ich glaube ich, so gerne allein. Beziehungen sind für mich unheimlich anstrengend. Ich beobachte alles, zerdenke alles, versuche die Systeme zu durchschauen um am Ende doch zu keinem Schluss zu kommen. Wahrscheinlich geht es da den meisten so. Mir sind aber auch Menschen bekannt, die aus Geselligkeit ihre Kraft schöpfen. Die haben den Dreh raus.

Mein Freund und ich sind uns, was im Kreis denken angeht, sehr ähnlich. Er ist etwas weniger von Emotionen befangen. Das hat mit seinen Depressionen zu tun, die stumpfen ihn ab. Das kann praktisch sein, manchmal aber auch anstrengend. Ich erkläre ihn eigentlich nach jedem Streit für schuldunfähig und mache genau da weiter, wo wir aufgehört haben. Das ist eigentlich der Punkt, auf den ich hinaus will in diesem Buchstabenwirrwarr. Es gibt ein Küsschen, er versinkt wieder in seiner stumpfen Traurigkeit auf dem Sofa und ich versuche einen Weg zu finden, unsere Beziehung ein bisschen mehr mit Glück zu füllen, mit Lachen und Heiterkeit. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, wäre das so einfach, würden Therapeuten nicht so dringend gesucht werden. Jeder hat Depressionen, kaum jemandem kann geholfen werden. Es ist schon fast so langweilig wie Migräne. „Ach hast du das auch? Also ich muss da immer kotzen. Und was nimmst du so dagegen?“ Diese Krankheit raubt dir so dermaßen die Energie, dass die Traurigkeit dich aufsaugt und du keine Kraft mehr hast, gegen den schwarzen Strom anzuschwimmen. Und wenn es ganz übel läuft, saugt sie deine Beziehungen gleich mit auf. Aber das lasse ich mir nicht bieten.

Da mein Gehirn ja sowieso nichts anderes macht, als den ganzen Tag über verrückte Konstrukte zu spinnen und zum Scheitern verurteilte Lösungsansätze zu weben, nutze ich es eben, um meinem Freund in seinen traurigen Arsch zu treten. Klingt etwas nach Helfersyndrom, allerdings habe ich schon gedroht, ihn nicht in mein Haus kommen zu lassen, so lange er keinen Termin beim Neurologen gemacht hat. Ich denke, so lange man es wenigstens noch schafft, seinen Liebsten zu drohen, ist es noch nicht ganz verloren.

Also eigentlich, alles im Griff. Andererseits ist es 00:38 und ich schreibe diesen Text, damit mein Gehirn Ruhe gibt. Zu einem Schluss bin ich jetzt nicht so ganz gekommen, außer dass ich die ganze Zeit über zuverlässig geatmet habe.

der arme Behinderte

„Können Sie mir bitte Geld für den Zug geben? Ich bin behindert und arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Bitte eine kleine Spende!“
Da steht ein dicker Mann auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs, seinen Behindertenausweis in die Luft haltend. Als ich an ihm vorbei laufe fällt mir der intensive, nicht wirklich angenehme Körpergeruch auf. Ich bleibe stehen. Sein Haar ist auf praktische drei Milllimeter geschoren, er trägt eine Brille durch die seine Augen unnatürlich groß erscheinen, um seinen Hals hängt ein Brustbeutel. Um das Bild abzurunden trägt er passend zu seiner kurzen, karierten Hose Sandalen mit Socken. Das Klischee lebt.
„Ich soll Ihnen jetzt Geld geben weil Sie eine Behinderung haben, sehe ich das richtig?“

„Ja, hier ist mein Ausweis. Ich hab kein Geld für den Zug.“

„Sie wissen aber schon, dass Sie mit Ihren Ausweis umsonst fahren können, oder?“

„Aber ich arbeite auch mit so Leuten! In einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung!“

„JA UND?!“ ranze ich ihn an.

Die Passanten gucken mich an als hätte ich gerade einen Welpen angezündet, völlig verständnislos, wie ich mit dem armen Behinderten so reden kann. Der arme Behinderte ist mittlerweile dabei den nächsten anzuquatschen und kassiert fleißig die Almosen. Kann er nicht einfach betteln, weil er Kohle haben will? Kann er nicht einfach betteln, weil er neue Drogen braucht? Ist mir doch egal dass er einen Ausweis hat, auf dem steht, dass er manche Dinge nicht so gut kann wie manch anderer.

Schnell steige ich in den Bus um mich der Situation zu entziehen, außerdem muss ich zur Arbeit.

In einem kleinen Vorort, der geschmückt ist mit grauen Nachkriegsbauten und fetten Karren steht mittendrin ein großer gläserner Wohnkomplex. Ich maschiere hinein, durch die Tür, die sich automatisch öffnet, nehme den großen Aufzug in den dritten Stock und laufe durch den riesigen Flur direkt in Wohnung Nummer eins. Meine erste Amtshandlung ist es, meine Notdurft auf der erhöhten Toilette zu verrichten. Es gibt keine separaten Mitarbeiterklos. In der Küche höre ich aufgeregtes Geschnatter. 13 Uhr. Imke ist nach Hause gekommen.

„Na Marta“ satg sie und watschelt an mir vorbei in Richtung Brotkorb. „Na Imke. Wie war’s heute in der Werkstatt?“-„Gut.“ Antwortet sie knapp und schmiert sich zwei zentimeter Butter aufs Weißbrot. Darauf drei Scheiben Schinkenwurst, Ein perfektes Mittagessen. „Wann kommt Leon nach Hause?“ fragt sie, während sie das Fettbrot vernichtet. „Wenn er Feierabend hat, so wie du“ sag ich. „Was machen wir heute?“ fragt sie. -„Mir egal, schlag was vor. Das Wetter ist schön, wir können was unternehmen.“-„Ja?“-„Ja. Aber zum Hauptbahnhof können wir nicht, da sind nur komische Leute unterwegs heute.“-„Was für Leute denn?“ fragt sie, mittlerweile damit beschäftigt das nächste Brot vorzubereiten. „Leute mit Socken in Sandalen.“-„Oh.“ Die Packung Schinkenwurst ist mittlerweile leer, Imke schwinkt ihren 1,50m großen Körper mit wackeligen Schritten in ihr Zimmer. „Ich geh jetzt fernsehen.“ verkündet sie. „Und unser Ausflug?“-„Mir egal, sag einfach wenn wir fahren.“

„SOO KINDERS! ICH JETZT DA!“ Die Tür fliegt auf und Leon schebt herein. Direkt räumt er das Chaos weg, das Imke bei ihrer Zeremonie hinterließ. „HALLO LEON!“ schreie ich. „Ah, du hier. Hallo!“-„Sollen wir heute weg fahren? Es ist schön draußen.“-„Draußen gehen? In Zoo?“ Seine riesigen Augen schauen mich voller Freude an, er zieht die Lederjacke aus und entblößt dabei seine tätowierten Arme. Nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. „Du auch Bier trinken?“ fragt er. „Nee, wenn wir gleich in den Zoo fahren muss ich doch das Auto bedienen!“

15 Uhr. Leon und Imke sitzen im Auto und warten darauf dass ich endlich los fahre. „Imke hast du deinen Ausweis dabei?“ „Ja! Den brauchen wir doch, sonst wird das zu teuer, ne?“ Sagt sie. Und hält ihren Schwerbehindertenausweis in die Luft. „Genau.“ sage ich. Und bin froh darüber, dass ich den Mann vom Bahnhof nicht betreuen muss.

behaltet euren liebsten Penis

Ich als Romantikerin gebe allen Freunden und Verwandten den selben Tipp – „Ihr seid ein tolles Paar, gebt noch nicht auf, so lange ihr drüber sprecht könnt ihr daran arbeiten blablabla“ Wie naiv von mir, und wie scheinheilig so etwas zu erzählen, wenn ich doch diejenige mit dem hohen Männerverschleiß bin. Neues Jahr – neuer Penis. Jedes Jahr wird einer angeschafft, jedes Jahr wird einer abgeschafft. Bisher habe ich das nie bereut, denn mit einem nüchternen Blick auf meine vergangenen Beziehungen kann ich sehr sicher sagen, dass diese Männer alles andere als zu mir gepasst haben. Oder ich bin nicht kompromissbereit genug. Oder beides, oder ich habe einfach kein Talent für lange Beziehungen. Was komisch ist, denn ich glaube wirklich, dass man, wenn man will, wenn beide wollen vielmehr, jede Krise überwinden kann. Der Glaube passt hier definitiv nicht zum Handeln. Was nicht passt kommt weg. Und so wurde uns jungen Leuten das auch beigebracht- ist etwas kaputt- kauf es neu! Oder: Leg dich nicht fest, es gibt immer etwas besseres auf der breit gefächerten Penispalette. Menschen in meinem Alter werden ganz komisch angesehen, wenn sie länger als fünf Jahre mit jemandem zusammen sind, oder sich sicher sind ihren Partner für immer behalten zu wollen. Echt jetzt? Für immer? Aber du hast doch erst mit 21 Männern geschlafen. Hast du nicht Angst, was zu verpassen?

Und so sehr ich diese Einstellung auch versuche zu missbilligen- in Teilen ist sie auch bei mir vorhanden. Wenn ich mir meinen jetzigen Freund mal ganz nüchtern anschaue, gibt es nichts zu meckern. Sieht fickbar aus, ist intelligent, sehr freundlich, sehr gebildet, hat die gleichen Werte- und Moralvorstellungen wie ich. Von dem kann man sich gut besamen lassen. Aber es wäre nicht ich, wenn ich nicht doch irgendeinen Grund hätte, um zu meckern. Wie es hier vielleicht schon bekannt ist, beschwere ich mich gerne auf hohem Niveau, oder bin einfach sehr sensibel (das passt vielleicht nicht zu meinem derben Sprachgebrauch, aber auch wenn meine Zunge schmutzig ist- mein Herz ist rein). Stressresistenz gehört ebenfalls nicht zu meinen herausragensten Eigenschaften. Die Uni ist zu viel, die Arbeit auch, das Sonnenlicht fehlt- es wird souverän geklagt. Und wenn der Freund dann auch noch Schwächen ist der Fall klar- etwas muss weg. Früher hätte ich mir dann fünf Minuten und eine Zigarette Zeit genommen um mich ganz versöhnlich und schnell zu trennen. Aber ich lerne- und habe einen der rationalsten Freunde die ich habe angerufen um mir in meinen zart besaiteten Po treten zu lassen. Eine Stunde hat es gedauert, dann war ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Drei Monate ist es jetzt her, mein Stress ist nicht weg, aber meinen Freund behalt ich noch. Zumindest für die nächsten Wochen. Immer in kleinen Schritten denken! Wenn ich unter der Haube bin, gebe ich Bescheid.

Mein helfendes Gespräch beinhaltete übrigens teils fachlich kompetente und einfühlsame Ratschläge, allerdings auch Sätze wie „wasch einfach mal deinen Sand aus der Scheide.“

pazifische Grüße

 

Marta Dissevelt

 

 

 

 

 

Zurück aus der Anstalt

Nach wochenlanger Laptop-Abstinenz versuche ich mich in alter Frische zurück zu melden. Ich möchte irgendwas fetziges und witziges schreiben, aber wie immer fallen mir nur Beschwerden ein. Dafür war das hier zwar ursprünglich gedacht, aber viele Blogger die eben diese Idee hatten, wirken auf mich wie selbst-mitleidige Waschlappen. Und da beschwer ich mich schon wieder! Vor kurzem habe ich jeden Eintrag hier nacheinander durchgelesen und da hab ich gemerkt: Wow, ich bin wirklich eine sehr anstrengende, neurotische Person. Der Vorteil an Neurosen: Die Betroffene Person leidet, die Umwelt für gewöhnlich weniger. Dann ist ja alles paletti. Ich wollte eigentlich, bevor ich von einer perfekten Woche berichte, kurz Bescheid sagen, dass ich manchmal lache, dass ich tatsächlich eine aufgeschlossene Person sein kann, und dass ich noch nie jemanden mit Absicht getötet habe. Außerdem habe ich letzte Woche einem Penner zwei Euro geschenkt.

Trotz meiner großzügigen Spende hat mein Karma sich nicht zum Guten bewegt. Meine eigene Dummheit hat mich in den finanziellen beinahe-Ruin getrieben.

Donnerstag, Ersti-Party (Ja, bald fängt das 3. Semester an, freut euch im Oktober auf extra viel Geschimpfe über Ökosozis und Trockenpflaumen), die neuen Erstsemester bekommen zur Begrüßung eine Party in der Altstadt geschmissen. Also hab ich mir bei der Arbeit mal feucht durch den Schritt gewischt und bin von dort aus mit dem Auto direkt in die Altstadt gefahren, um mir mit meinen gemeinen Freunden live anzusehen, wie betrunkene 18-Jährige die Straße runter stolpern, voller Vorfreude auf das Erwachsenenleben. Endlich Student! Wir retten die Welt! Vor lauter Wein hab ich mir dann eine offene Flasche Bier in die Tasche gekippt. Handy kaputt, Tasche versaut, Schminke versaut. Man sagt ja auch immer, dass das nicht so gut ist mit Bier auf Wein. Aber: ich bin nicht ausgeflippt. Da war ich schon stolz, weil es nämlich Zeiten gab, da wäre das Handy über die Straße geflogen.

Am nächsten Morgen haben mein Freund und ich, 21, handylos, versucht meinen Laptop ans Laufen zu kriegen. Festplatte ist platt, also habe ich mich mental auf ein paar analoge Tage eingestellt. Auch hier: Ich war ruhig. Also, da kam kurz eine Träne weil der chaotische Zustand meinem Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung einen Strich durch die Rechnung macht, aber wie gesagt, kein Anfall in Sicht.

Mittags fährt mein Freund mich zu dem Parkplatz, auf dem ich mein Auto abgestellt habe, weil gute Menschen nicht betrunken Auto fahren. Und ich sitze da so auf der Rückbank und babbel vor mich hin „Hihihi Hahaha, wäre das nicht lustig, wenn das Auto jetzt auch kaputt wäre?“

Das Auto war nicht kaputt, es war nur weg und ich wusste nicht wo. Und souverän wie ich bin habe ich erstmal angefangen, hysterisch zu lachen um mich schließlich mitten auf den Parkplatz zu setzen und dort zu weinen. Das sah bestimmt lustig aus.

Das wollte ich nur mal erzählen. Das Abschleppunternehmen hat übrigens auch einen Kratzer in mein Gefährt gemacht.

Sonst ist aber alles supi, bin arm aber sexy.

 

Total freundliche Grüße

Marta Dissevelt

 

 

hört auf Schulz von Thun

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich beschlossen habe, meinen Studienstandort in das schicke Köln zu verlegen. Da war ich wirklich kühn unterwegs. Ich mag es gerne gemütlich, organisiert und sicher. Ich mag es aber auch gerne groß, bunt und vielfältig. Also dachte ich mir: raus aus der Komfortzone. Alle sagen ja immer, um glücklich zu sein muss man sich auch mal was trauen. Also habe ich das zweite Semester geschmissen und mich an den neuen Hochschulen beworben. In den letzten Tagen kamen die Zusagen. Und ein Angebot für eine halbe Stelle in der Behindertenhilfe. Unbefristet. Hier, in meiner Heimatstadt. Mit der Aussicht auf eine finanzierte Weiterbildung zur Therapeutin. Ja klasse, war ja klar. Ist ja nicht so, als hätte ich schon vor einem Jahr deutlich gemacht, dass ich diese Stelle gerne hätte. Aber da haben sie gesagt „Wir schauen erstmal, wie dein Studium läuft.“ JAJA, und wenn ich mich dann vom Acker machen will dann kommen sie alle um die Ecke mit traumhaften Angeboten die mich dazu verführen, hier bleiben zu wollen.

Mein Freund hatte auch immer vor nach Köln zu ziehen. Mir sagte er aber immer, ich solle meine Entscheidungen nicht von ihm abhängig machen. Und als ich die vermeintlich feste Entscheidung traf, von hier weg zu gehen, da hieß es plötzlich, er wisse auch nicht so genau wohin es ihn nun verschlägt. Also war klar, jeder trifft seine Entscheidung unabhängig vom anderen. Wenn es so weit ist, werden wir mal sehen wie es weiter geht. Zumal Köln von unserem jetzigen Standort nur eine Stunde entfernt ist.

Durch den erheblichen Konsum von Disneyfilmen, Schundromanen und amerikanischen Komödien hatte ich hohe Erwartungen an die Liebe und wurde enttäuscht. Tief im inneren bin ich wohl noch so, aber sowohl die Beziehungen meiner Eltern als auch meine eigenen haben mir beigebracht, dass es besser ist sich auf sich selbst zu verlassen und auf dem Teppich zu bleiben.

Wie romantisch wäre es gewesen, hätten wir gemeinsam gesagt: “Komm, wir hauen hier zusammen ab, suchen uns eine Wohnung und fangen zu zweit ganz von vorne an.“ Aber niemand hat das gesagt, und irgendwie sind wir auch nicht so. Denn auch wenn ich so etwas überaus süß finde, verhalte ich mich in der Realität anders. Also keine gemeinsame Wohnung und nebeneinander stehende Zahnbürsten, sondern eine Entscheidung für mich alleine.

Also entschied ich mich ganz alleine für mein zuhause. Scheiß auf das Verlassen der Komfortzone, es ist warm und flauschig hier. Und ich liebe meinen Job tatsächlich. Genauso wie das Gehalt und die zukünftigen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Also habe ich mich selbst ausgetrickst und versuche jetzt mein versäumtes zweites Semester irgendwie in die letzten vier zu stopfen. Derjenige, der da seine Finger im Spiel hatte muss unheimlich viel Humor haben. Es muss lustig gewesen sein zu sehen, wie ich mich winde in meinen verschiedenen Möglichkeiten und schließlich absolutes Chaos bei allen beteiligten verursache. Meine Mutter ist aus dem Häuschen („Das mit Köln war wirklich eine blöde Idee, schön dass du jetzt vernünftig bist. Gehen wir Mittwoch essen?“), mein Vater vermutet bei mir einen Substanzmissbrauch und/oder eine Borderline Persönlichkeit und mein Freund, der hat sich jetzt für Köln entschieden.

Eine Beziehung, die sich in zwei verschiedenen Städten abspielt, wird zur Wochenendbeziehung und einer unangenehmen Termintanzerei. Egal ob eine Stunde oder 12 Stunden Distanz, man muss sich bewusst Tage für den anderen frei halten. Kurz auf ein Kippchen vorbei kommen ist nicht drin. Und schon bekomme ich Beklemmungen bei dem Gefühl, meine Wochenenden nicht mehr so flexibel planen zu können wie ich es will. Diese Ansichten teilte ich meinem Freund sehr rational mit (sie basieren auf eigenen Erfahrungen) und beendete meinen Vortrag mit „aber wir können ja erstmal schauen wie es läuft.“. Irgendwie habe ich da nichts gefühlt, vor lauter Unabhängigkeit und Realität. Völlig gleichgültig dachte ich, wenn’s klappt, fein, wenn nicht, egal. Weil ich mich schon gar nicht mehr in einer Zukunft zu zweit gesehen habe.

Heute Morgen bin ich dann aufgewacht und malte mir ein Szenario aus: Es ist Weihnachten, wir essen mit den Familien, es gibt Kekse, Schnee und Geschenke. Glühwein, Lichterketten, Nikoläuse. Und dann: “Ich muss jetzt fahren, nächste Woche schreib ich ne Klausur und die Züge fahren so scheiße.“ Das hat meiner Gefühlswelt einen tritt in den Arsch gegeben und mich dazu gebracht endlich zu verstehen, dass unsere gegenseitige Unabhängigkeit mich traurig gemacht hat.

612 PMS

PMS, das kennen wir Frauen gut. Einmal im Monat, wenn wir emotional unzurechnungsfähig sind, sagen wir Frauen „Ich hab‘ PMS, ich kann da nichts für.“ Und manchmal, wenn wir einfach so etwas kratzbürstig sind, dann bewegen sich die Männer auf dünnem Eis, wenn sie sagen „Du hast doch eh nur PMS, wir reden nächste Woche weiter.“ Hihihi, ein lustiges Thema. Ich habe mal meinen Zyklus verfolgt, mit einer App, schön in rosa designt mit lustigen kleinen Smileys. Ich soll jeden Tag verschiedene Sachen eintragen. Ob und wie ich blute, wie meine Brüste sich anfühlen, wie traurig ich bin, wie zornig ich bin. Bei mir sind PMS und der Normalzustand schwer auseinander zu halten, weil ich grundsätzlich ein eher aufbrausendes Naturell habe.

Letztes Wochenende, genau in der Woche vor meinen Damenbauchschmerzen, da hatte ich wieder schlechte Laune. Alle waren mir zu dumm, und dann habe ich mich dafür geschämt so etwas zu denken. Die Grundsatzdiskussion am Samstagabend (behindertes Kind gebären, ja oder nein?) bei der plötzlich alle zu Fachmännern und Fachfrauen wurden (oh nein, ich habe die Männer zuerst genannt und noch nicht einmal „Fachkräfte“ geschrieben, um das Ganze zu gendern!) entfachte eine derartige Wut in mir, dass ich drauf und dran war mit Gartenstühlen zu werfen. Stattdessen habe ich meine Hähnchenschenkel weiter gegessen und versucht nicht zu weinen vor Wut. Zuhause angekommen, habe ich zur Kenntnis genommen, dass ich meinen Freund nicht vermisse. Der war schon zwei Tage im Urlaub, und ich fand es schön, zuhause allein zu sein. Das klang für mich nach einer Beziehungskrise. Mit diesem Gedanken bin ich eingeschlafen, um am nächsten Morgen mit einer inneren Traurigkeit zur Arbeit zu fahren.

Ich arbeite in der Behindertenhilfe, seit vier Jahren jetzt, und bin übrigens heilfroh, dass meine Arbeitgeber nicht abgetrieben wurden. 24  klasse Menschen wohnen in dem Haus, in dem ich arbeite. Nein, 23. Einer ist ein Arschloch. Aber auch die müssen leben. Darf ich so über Menschen mit Behinderungen reden? Die Antwort ist ja, das ist der Kern der Inklusion. Ich liebe es, zur Arbeit zu gehen. Ja ich weiß, manche finden das komisch. Aber bezahlt zu werden, um am Leben anderer Menschen teil zu haben, sie im Alltag zu begleiten und lustige Ausflüge zu machen, das ist schon nicht schlecht. Am Wochenende fängt mein Dienst morgens um zehn an. Vor zwölf Uhr finde ich gar nichts erfreulich, deswegen hat mir meine Traurigkeit da noch keine Sorgen bereitet. Als ich aber um 13 Uhr noch immer das Bedürfnis hatte zu weinen, wusste ich, dass etwas nicht stimme. Ich war mir sicher. Es wohnt ein Baby in meinem Bauch. Völlig durcheinander rief ich also meinen armen Freund an, um ihn über unsere neue Beziehungskrise und das Geschöpf in meinem Bauch zu informieren, dann weinte ich und dachte über gute KITAs in Fachhochschulen nach.

Eine Stunde später, Kaffe getrunken, Zigarette geraucht (ich hatte beschlossen, dass ich erst damit aufhöre, wenn das Drama ärztlich bestätigt wurde), saß ich bei meiner Kollegin. Im Fernsehen lief eine Sendung, in der ein kleiner verhärmter Koch von einem Fernseh-Profikoch aus den Schulden gerettet wurde. Das rührte mich so sehr, da musste ich weinen. Dann wurde mir klar, dass der Penner ein kompletter Schachkopf war, der noch nichtmal wusste, wie hoch seine Schilden waren („irgendwas zwischen 15 und 20 Tausen“). Ich musste leider gehen, das hatte mich zu wütend gemacht. Also besuchte ich den Arbeitskollegen im Erdgeschoss. Da lief eine Fernsehshow, in der alte Leute im Garten stehen und Schlager singen. Eine viel zu alte, viel zu dick geschminkte Frau strahlte in die Kamera und sang vom schönen Leben, hinter ihr tanzten alberne Gestalten in glitzernden Outfits. Dieser Anblick machte mich so sauer, dass mir schon wieder Tränen in die Augen stiegen. Den ganzen Tag düste ich durch das Haus wie ein Porsche Carrera (klein, flink, unpassend und übertrieben, mit dem Bedürfnis, etwas zu kompensieren. Der Vergleich hinkt etwas.). Langsam aber sicher wurde mir bewusst, dass ich heute nicht besonders zurechnungsfähig war. Ich bin überhaupt nicht schwanger. Der rote Teufel schlägt nächste Woche zu und überschüttet meinen Körper bereits eine Woche vorher mit Hormonen, um mich in die Knie zu zwingen. Dachte ich mir. Ich schaute mir meinen Zykluskalender an. Ja, immer eine Woche vorher bin ich wütend, zornig, traurig, denke dass ich schwanger bin und will Menschen schmerzen zufügen.  Mein Freund bestätigt diese Regelmäßigkeit.

Und ihr armen Männer müsst mit so etwas zurechtkommen. Ich möchte mich stellvertretend für alle Frauen, die einmal im Monat so irre sind wie ich, bei euch Männern dafür entschuldigen. Ach was, ich entschuldige mich gleich auch für Frauen die auch sonst irre sind.

Ich überlege ja jetzt, die Pille abzusetzen. Aber dann gibt es hinterher keine lustigen Geschichten mehr von meinem hormonellen Daneben-Benehmen. Ich überlege schon, ob solche Vorkommnisse wie in Wahnsinnig im Wartezimmer nur entstanden sind, weil ich zu der Zeit PMS hatte. Hoffentlich werde ich nicht normal.

 

Blutige Grüße,

Marta Dissevelt